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01/ 2003


... einfach irgendwie kuschelig

Es gibt wohl kaum einen anderen Sänger in der Szene, der die verschiedenen Lager - seien es Kritiker, Fans oder auch Kollegen - so weit spaltet wie Lenny Wolf. Dem Kopf und Sänger von KINGDOM COME heftet schon seit ewigen Zeit das Image des Großmauls und Egoisten an. Über diesen Sachverhalt kann man aber durchaus geteilter Meinung sein, aber ich denke, seine Musik spricht für sich. Kurz vor Weihnachten hatte ich das werte Vergnügen LENNY WOLF am Telefon über seinen neuesten Streich "Independent" auszufragen. Der Multi-Instrumentalist blieb dabei - auf seine unnachahmlich ehrliche Weise - keine Antwort schuldig.

S: Zu Beginn des Interviews möchte ich dir zu dieser gelungenen Scheibe gratulieren. "Independent" hört sich nach einem Befreiungsschlag deinerseits an? Was hat es mit dem Titel auf sich?

LW: Danke, danke, so etwas hört man gerne! "Independent" war ursprünglich der Songtitel von "Need A Free Mind". In diesem Lied kommt die Zeile "Independent But Mine" vor und da mir dieses Wort doch irgendwie wichtig war, habe ich es als Albumtitel auserkoren. Ich möchte mit diesem Titel zwar nicht den Ober-Einzelgänger raushängen lassen, aber doch unterstreichen, dass sich KINGDOM COME nie irgendwelchen Trends angepasst haben. Es war nie unser Ding sich irgendwelchen Klischees zu unterwerfen um irgendwie zu überleben. Klar wollen wir als Band auch überleben, aber mir ist ehrliche Musik einfach wichtiger. Also bot sich der Titel einfach auch an und die Idee mit der Marionette auf dem Cover stammt von meinem Bruder. Ich find es so auch richtig kuschelig... hehe.

S: Der Vorgänger "Too" wurde noch über Spitfire Records veröffentlicht, während das neue Werk via Ulftone Music in die Läden kommt. Wie kam es zu diesem erneuten Labelwechsel?

LW: Den Ulf kenne ich schon seit über sieben Jahren und wir sind ziemlich gut befreundet. Er hat damals bei "Twilight Cruiser" die Promotion gemacht und hat uns schon zweimal auf Tour begleitet. Einmal als Freund und beim zweitenmal als Babysitter bzw. Psychologe. Mittlerweile hat er sein Label doch ganz gut auf die Reihe gekriegt und ein gutes Vertriebssystem aufgebaut, sodass es sich förmlich anbot die Sache bei ihm durchzustarten. Ich denke, es können beide Seiten zufrieden sein.

S: "Independent" ist sehr modern ausgefallen, was ich persönlich als sehr positiv empfinde, aber vielleicht einigen Fans und Kollegen der schreibenden Zunft übel aufstoßen könnte. Wie schätzt du die Sache selbst ein?

LW: Erstens habe ich noch nie für irgendjemand oder irgendwas Musik geschrieben und gemacht, sondern nur für mich. Außerdem habe ich wirklich keinen Bock mich die nächsten Jahre zu langweilen, denn es ist nicht alles schlecht, was neu bzw. modern klingt. Trotzdem ist immer noch ein typischer KINGDOM COME-Sound zu hören, wobei die modernen Einflüsse das Album nur noch interessanter machen. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich seit Jahren zum erstenmal wieder richtig zufrieden mit einem Album bin. Bei ein Song wie "Mother" geht mir richtig einer ab. Die Nummer lebt von Loops und vielen industriellen Sounds, die ich damals schon bei Bands wie DEPECHE MODE total geil fand. KINGDOM COME war noch nie eine Band, die nur mit ein oder zwei Gitarren in der Garage drauflos spielten, sondern immer das Hauptaugenmerk auf der orchestralen und wohlproduzierten Seite hatten. Was aber nicht heißen soll, dass wir ersteres nicht gut finden, denn der Opener "I Can Feel It" geht genau in diese Richtung. Ich kann nur hoffen, dass es den Leuten gefällt. Für diejenigen denen es nicht gefällt gibt es zum Glück ja noch viele andere Bands... hehe.

S: Beim Hören von "Forever" und "Darling" fällt auf, dass dein Gesang besonders bei den melancholischen und gefühlvollen Songs ein starkes Kribbeln in der Magengrube verursacht. Bist du auch privat mehr der melancholische und gefühlvolle Typ?

LW: Ich bin eigentlich ein sehr positiver Lebemensch. Ich kann mich an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Ich habe z. B. Spaß daran mit Freunden über irgendeine Dumpfbacke zu lästern, die gerade des Weges kommt. Ich bin aber andererseits auch nicht böse, wenn der- oder diejenige zurücklästert. Mir sind einfach Sachen wie Freiheit und die Zeit zum Leben unheimlich wichtig. Die ganze Achterbahn, die wir alle durchmachen - sei es beruflich oder privat - verarbeite ich in meiner Musik. Musik ist im Grunde genommen mein Ventil. Privat rede ich eher weniger über diese Dinge, da hänge ich lieber ab und warte bis der Akku wieder voll ist, um dann wieder neue Songs zu schreiben.

S: Der Song "America" ist ein kleines Dankeschön an die USA. Kannst du ein bisschen mehr zu diesem Song erzählen?

LW: Es ist eigentlich nur ein Riff, dass ich geschrieben habe und sehr geil fand. Später als das Demo fertig war, habe ich einfach mal dazu geträllert und bin irgendwie auf das Wort "America" gekommen. Es ist nun einfach mal so, dass ich Amerika mein musikalisches Dasein zu verdanken habe. Außerdem fand ich es endlich mal an der Zeit, ein kleines Hallo nach drüben zu schicken, obwohl sich der Markt in den Staaten für unsere Musik momentan sehr schwer gestaltet. Im Grunde genommen ist es auf dem ganzen Planeten schwieriger geworden. Der Ottonormal-Verbraucher blickt ja gar nicht mehr durch die verschiedenen Stilrichtungen durch und die Rockmusik hat es im Allgemeinen etwas schwieriger, weil einfach eine Plattform wie in den 70ern bzw. 80ern nicht mehr da ist. Ich bin mir sicher, würden KINGDOM COME sooft im Radio laufen wie GRÖNEMEYER, dann würden auch wir die Sporthallen füllen. Nur das Problem ist, dass die Kids und die breite Masse nicht viel von den Songs aus diesen Bereichen mitbekommen. Ich finde die momentane Lage sehr deprimierend, aber ich stecke den Kopf nicht in den Sand. - Es muss einfach irgendwie weitergehen.

S: Dein Lebensmittelpunkt war für eine gewisse Zeit in USA. Wie und wo hast du den 11. September 2001 erlebt?

LW: Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade hier in Hamburg. Was soll ich dazu sagen? Ich meine, ich kann dich da jetzt mit irgendwelchen Sachen zudröhnen. Der Song "Religion Needs No Winner" nimmt sicherlich ein bisschen Bezug auf diese Geschichte, weil es war mir schon mal wichtig zu sagen: "Hey, wahre Religion braucht keine Gewinner!". Ich denke, jeder kann seine Religion ausleben, aber diese anderen Leuten aufzudrängen geht einfach zu weit. Manche Kulturen müssen sich einfach noch sehr viel lernen und ändern.

S: Da du gerade "Religion Needs No Winner" ansprichst. - Mit einer so sphärischen Nummer hätte ich auf einem KINGDOM COME-Album nicht gerechnet. Wie kam es zu diesem Song?

LW: Da muss ich den lieben Gott fragen - es ist einfach passiert ... hehe. Wenn ich Songs schreibe, passieren solche Dinge einfach. Ich mache mir gar keinen besonderen Kopf darüber. Es handelt sich vielmehr um Eingebungen, die man gerade in diesem Augenblick hat. Wenn der Song toll geworden ist, dann kann man brav Dankeschön sagen - anderenfalls geht die Sache in den Mülleimer. Ich wollte einfach mal so eine sphärische Nummer schreiben, die trotzdem vor Power nur so strotzt. Mir gefällt es verschiedene Extreme zusammenzuführen, deshalb finde ich solche Sachen wie MASSIVE ATTACK ganz kuschelig.

S: Du hast auf "Independent", bis auf das Schlagzeug, alle Instrumente selbst eingespielt. Warum bist du so verfahren und hat das nicht wahnsinnig viel Zeit sowie auch Nerven beansprucht?

LW: Ursprünglich wollte ich das Album schon mit einer Band machen, aber einige der Jungs waren nicht verfügbar, da sie entweder mit anderen Produktionen beschäftigt oder gerade auf Tour waren. Dann habe ich erst mal mit dem Drummer allein angefangen und eines Tages fragte mein Bruder: "Warum spielst du die anderen Instrumenten nicht selbst ein? ... du hast es doch drauf!". Ich habe es dann selber probiert und gemerkt, dass es wirklich sehr gut funktioniert. Somit habe ich mir eigentlich Zeit und Nerven gespart, denn ich musste keinen anderen Musiker lange erklären, was mir gerade für Ideen im Kopf rumschwirren. Die anderen Musiker waren deswegen bestimmt nicht böse, denn es war auch wirklich kein Ego-Trip, sondern es war einfach sehr wichtig, dass die Scheibe bald fertig wird. Natürlich wollen wir auch live spielen und gehen hoffentlich im Januar/ Februar auf Tour.

S: Welches Album würdest du als wichtigstes deiner Karriere bezeichnen und weshalb?

LW: Vom Überlebstechnischen auf alle Fälle das Debüt "Kingdom Come". Damals war das Timing, die Nachfrage und das komplette Umfeld einfach total perfekt. Zum momentanen Zeitpunkt ist natürlich "Independent" mein Favorit, aber dann folgt auch schon "Twilight Cruiser". Ich danke dem Herrgott heute noch für einen Song wie "Twilight Cruiser".

S: Dein deutsches Solo-Album wurde von manchen Musikjournalisten total verrissen, was ich überhaupt nicht verstehen kann, da die Scheibe zu meinen deutschsprachigen Lieblingsalben gehört. Wie stehst du zu dieser Scheibe mit dem Abstand von drei Jahren?

LW: Also, in dieser Beziehung bereue ich gar nichts. Ich bin schon immer der Typ gewesen, der zu und hinter seinen Sachen steht. Es ist kein Mensch perfekt und jeder macht eben sein Ding. Ich will mich jetzt nicht dafür entschuldigen - ganz im Gegenteil - denn es war mir einfach ein Bedürfnis auch mal ein Platte in Deutsch zu machen. Ich kann es aber bis heute nicht verstehen, warum sich so viele meiner Landsleute darüber aufgeregt haben, denn hätte ein WESTERNHAGEN einen Song wie "Macht Licht In Eurem Dunklen Haus" geschrieben, dann hätte er mit Sicherheit mindestens eine Million Einheiten davon verkauft. Aber es ist ja bekannt, dass der Prophet im eigenen Lande nicht viel zählt. Dass allerdings die KINGDOM COME-Fans mit der deutschen Sprache ein Problem haben, kann ich irgendwie verstehen, denn es ging mir lange genug selber so. Aber ich nehme solche Sachen überhaupt nicht mehr persönlich, denn es gibt immer jemanden, der es besser weiß - aber die Mehrheit derjenigen kann es eben auch nicht besser ... hehe.

S: Somit wären eigentlich alle meine Fragen beantwortet. Gibt es noch etwas was du unbedingt an deine Fans weitergeben willst?

LW: Ich hoffe, wir sehen uns alle auf Tour und denkt daran: Egal was kommt, es geht immer irgendwie weiter!
Bis dahin
Euer Lenny

1. I Can Feel It
2. Mother
3. Tears
4. Didn't Understand
5. Forver
6. Need A Free Mind
7. Amerika
8. Religion Needs No Winner
9.Darling
10. Do You Dare
11. Easy Talkin' Hard Line

"Independent" (2002 / Ulftone Music/ Edel)

DISKOGRAFIE:

STONE FURY
"Burns Like A Star" (1984)
"Let Them Talk"
(1986)
"Best Of Stone Fury"
(1988)

LENNY WOLF
"Lenny Wolf" (1999)

KINGDOM COME
"Kingdom Come" (1988)
"In Your Facef"
(1989)
"Hands Of Time"
(1991)
"Bad Image"
(1993)
"Twilight Cruiser"
(1996)
"Live & Unplugged"
(1997)
"Master Seven"
(1997)
"Balladesque"
(1998)
"Too"
(2000)
"Independent"
(2002)

weitere Beiträge über KINGDOM COME:
KINGDOM COME/ Ain't Crying For The Moon (Surprise Of The Month/ October 2006)
KINGDOM COME/
Perpetual
KINGDOM COME/
Independent

weitere Informationen unter www.kingdomcome.de

Sonny

Thanks to Ina @ Ulftone Music

Last Update: Sunday, 05. January 2003
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